Der globale Smartphonemarkt durchlebt aktuell eine der schwersten Phasen seit Jahren. Nach zweieinhalb Jahren kontinuierlichen Wachstums hat der Abschwung eingesetzt – und die Prognosen für die kommenden Quartale sind alles andere als rosig. Ein aktueller Bericht der Marktforscher von IDC zeichnet ein düsteres Bild, zeigt aber gleichzeitig, dass eine spezifische Strategie von Apple in dieser Krise aufzugehen scheint.
Ein abruptes Ende des Wachstums
Im ersten Quartal dieses Jahres brachen die weltweiten Smartphone-Auslieferungen im Jahresvergleich um 4,1 Prozent ein. Damit fand eine zweieinhalbjährige Wachstumsphase ein jähes Ende. Der Haupttreiber dieser Entwicklung ist ein akuter Mangel an Speicherchips, der den Markt in eine Doppelkrise stürzt: Zum einen führt die knappe Verfügbarkeit von Speicherbausteinen dazu, dass Hersteller ihre Produktions- und Auslieferungszahlen ohnehin drosseln müssen. Zum anderen haben sich die Preise für Speicher und andere Komponenten teils mehr als verdoppelt.
Für die Mehrheit der Smartphone-Hersteller, die ohnehin mit relativ engen Margen operieren, gibt es in dieser Situation kaum einen Ausweg: Die gestiegenen Kosten müssen an die Konsumenten weitergegeben werden. In mehreren Schwellenländern haben die Endkundenpreise für Smartphones bereits um 40 bis 50 Prozent angezogen. Das ist ein absoluter Nachfragekiller. IDC warnt ausdrücklich, dass der aktuelle Rückgang von vier Prozent nur ein Vorgeschmack auf das sei, was noch komme, wenn sich die Speicherknappheit weiter zuspitzt.
Apples ungewöhnlicher Schachzug
Während der Großteil des Marktes blutet, gehen bei Apple die Uhren anders. Nach Einschätzung von IDC verfügen sowohl Apple als auch Samsung im Premium-Segment über deutlich größere Margen-Spielräume. Das ermöglicht es den beiden Tech-Giganten, Preiserhöhungen bei den Endgeräten vorerst zu vermeiden. Tatsächlich verzeichneten beide Unternehmen im ersten Quartal noch Wachstum: Samsung legte um 3,6 Prozent zu, Apple um 3,3 Prozent.
Doch die Entwicklungen der letzten Tage zeigen, dass sich die Wege der beiden Marktführer trennen. Samsung hat bereits die Reißleine gezogen und die Preise für zahlreiche Geräte angehoben – wenn auch in moderatem Rahmen. Betroffen sind High-End-Geräte wie das Galaxy Z Flip 7 und das Galaxy S25 Edge, aber auch das obere Mid-Range-Modell Galaxy S25 FE sowie fast alle aktuell erhältlichen Galaxy-Tablets. Psychologisch clever bleibt Samsung bei den Einstiegspreisen der Top-Modelle, straft jedoch Upgrades für mehr Speicherplatz mit Aufschlägen von 40 bis 80 Dollar ab.
Marge opfern, um Marktanteile zu gewinnen
Damit rückt Apple in eine einzigartige Position. Ein separater Analystenbericht deutet darauf hin, dass Apple die ungewöhnliche Entscheidung getroffen hat, kurzfristig auf Marge zu verzichten, um langfristiges Wachstum zu sichern. Die Logik dahinter ist so simpel wie effektiv: Wenn die Konkurrenz teurer wird und Apple die Preise stabil hält, erscheinen die iPhones im Vergleich plötzlich als deutlich attraktiveres Angebot – obwohl sie ohnehin im Premium-Segment angesiedelt sind.
Diese Strategie ist ein klassischer Counter-Cyclical-Ansatz. Apple nutzt die einmalige Gelegenheit der aktuellen Tech-Landschaft, um Marktanteile zu erobern. Wer in einer Krise ein iPhone kauft, weil die Android-Konkurrenz zu teuer geworden ist, bindet sich langfristig an das Apple-Ökosystem. Die verpasste Marge beim Hardware-Verkauf wird über die Jahre durch Einnahmen aus dem App Store, Apple-Diensten und Zubehör mehr als kompensiert. Wenn die Speicherkrise abflacht, sitzt Apple auf einem gewaltig gewachsenen Stamm an hochprofitablen Stammkunden.
Kritische Einordnung
Es ist jedoch wichtig, die Zahlen mit der nötigen Skepsis zu betrachten. Marktforschungsunternehmen wie IDC oder Counterpoint erstellen ihre Schätzungen auf Basis verschiedener Metriken, die nie zu 100 Prozent präzise sein können. Es kommt regelmäßig zu abweichenden Zahlen in den Berichten der einzelnen Institute.
Ungeachtet dieser methodischen Unschärfen zeichnet sich ein klarer Trend ab: Der Mid-Range-Markt wird durch die Komponentenkrise massiv unter Druck geraten. Hersteller, die sich nicht wie Apple den Luxus leisten können, Marge zu opfern, werden Marktanteile verlieren oder ihre Geräte so stark verteuern, dass sie für die Zielgruppe unerschwinglich werden. Apple beweist einmal mehr, dass ein prall gefüllter Kriegsschatz und eine starke Markenpositionierung in Krisenzeiten die mächtigsten Waffen sind.
Quelle: 9to5Mac