Schwellenländer im Aufwind: Lohnt sich der MSCI Emerging Markets?
In den letzten Monaten zeichnet sich ein interessanter Trend an den globalen Finanzmärkten ab: Der MSCI Emerging Markets Index hat den etablierten MSCI World geschlagen. Während entwickelte Märkte unter geopolitischen Spannungen, Inflationsängsten und Zinssorgen litten, zeigten Schwellenländer eine unerwartete Stärke. Für Anleger stellt sich deshalb die Frage: Ist der MSCI Emerging Markets nun ein Must-have im Portfolio?
Die aktuelle Outperformance
Dass der MSCI Emerging Markets den MSCI World outperformt, ist keine alltägliche Nachricht. Lange Zeit galten Schwellenländer als zu volatil, zu korruptionsanfällig und zu abhängig von Rohstoffpreisen. Doch aktuell spielen die Karten anders. Indien erlebt einen massiven Wirtschaftsboom, getrieben von einer jungen Bevölkerung und staatlichen Infrastrukturprogrammen. China versucht, nach den harten Lockdown-Jahren wieder Fahrt aufzunehmen, und auch Lateinamerika profitiert von stabilisierten Rohstoffpreisen.
Diese regionale Diversifikation ist ein entscheidender Faktor. Während der MSCI World zu über 70 % aus den USA besteht, bietet der MSCI Emerging Markets eine breitere Streuung über Länder wie Indien, China, Taiwan und Brasilien. Das bedeutet: Wenn die US-Wirtschaft schwächelt, können andere Regionen den Unterschied machen.
Strukturelle Vorteile: Demografie und Digitalisierung
Ein zentrales Argument für Emerging Markets ist die Demografie. Die Bevölkerung in Schwellenländern ist deutlich jünger als in westlichen Industrienationen. Das bedeutet ein wachsendes Arbeitskräftepotenzial und eine aufstrebende Mittelschicht, die konsumiert. Indien ist hier das prominenteste Beispiel: Das Land wird in den nächsten Jahren zur bevölkerungsreichsten Nation der Erde aufsteigen und bietet mit seiner zunehmenden Digitalisierung enormes Wachstumspotenzial.
Auch die Digitalisierung in diesen Ländern überspringt oft traditionelle Entwicklungsstufen – Stichwort Leapfrogging. Mobiles Bezahlen in Afrika oder digitale Infrastruktur in Indien zeigen, wie Technologie Sprünge ermöglicht, die im Westen so nicht möglich wären. Für tech-affine Anleger ist dieser Aspekt besonders spannend: Die nächste Milliarde an Internetnutzern kommt aus Schwellenländern, und damit ein massives Wachstumspotenzial für digitale Geschäftsmodelle.
Kritische Einordnung: Risiken bleiben real
Doch bevor Anleger jetzt blind Emerging-Markets-ETFs ins Portfolio laden, ist eine kritische Betrachtung unerlässlich. Die Volatilität bleibt hoch. Politische Risiken, Währungsschwankungen und minderheitenfeindliche Unternehmensführungen (Corporate Governance) sind reale Gefahren. Chinas „Common Prosperity“-Kurs hat gezeigt, wie schnell staatliche Eingriffe Kurse zerstören können.
Zudem ist die Sektorstruktur ein Schwachpunkt. Der MSCI Emerging Markets ist stark von Technologieunternehmen aus Taiwan und China dominiert. TSMC allein macht einen erheblichen Teil des Index aus. Wer den kauft, setzt also nicht auf eine breite Schwellenländer-Entwicklung, sondern primär auf asiatische Tech-Giganten. Die echte Diversifikation fällt dann eher bescheiden aus. Gerade im Tech-Sektor ist die Konzentration auf wenige Halbleiterhersteller ein Risiko, das Anleger im Blick behalten sollten.
Must-have oder Nice-to-have?
Ist der MSCI Emerging Markets also ein Must-have? Die Antwort lautet: Jein. Für Anleger, die eine globale Marktabdeckung suchen, sind Emerging Markets sinnvoll ergänzend. Die langfristigen Wachstumschancen durch Demografie und Digitalisierung sind unbestritten. Allerdings sollte die Beimischung dosiert erfolgen. Historisch gesehen haben Schwellenländer zwar in Phasen stark outperformt, danach aber oft lange Durststrecken hingelegt. Ein reines Emerging-Markets-Portfolio ist daher nur für risikobereite Anleger geeignet.
Die aktuelle Outperformance ist ein Weckruf, Schwellenländer nicht zu ignorieren. Aber sie allein rechtfertigt noch keine Übergewichtung. Wer sein Portfolio breit aufstellt, sollte Emerging Markets als Beimischung von etwa 10 bis 20 % betrachten – nicht als Hauptakteur.
Fazit
Der MSCI Emerging Markets zeigt aktuell Stärke, und die strukturellen Argumente für eine Investition sind stark. Der digitale Aufholprozess in diesen Ländern bietet echtes Wachstumspotenzial. Dennoch bleiben die typischen Risiken von Schwellenländern bestehen. Ein Must-have ist der Index nicht, aber ein vernünftiges Nice-to-have für das globale Depot.
Quelle: Finanzfluss