Wer vor Jahren eine Lizenz für Microsoft Office 2019 für Mac erworben hat, ging wohl davon aus, ein dauerhaft nutzbares Produkt zu besitzen. Doch diese Annahme wird bald ein jähes Ende finden. Wie die IT-Beratung JimmyTech aufdeckte und MacRumors bestätigt, wird Microsoft ab dem 13. Juli dieses Jahres die Bearbeitungsfunktion in Office 2019 für Mac komplett sperren. Betroffene Nutzer können ihre eigenen Dokumente dann nur noch lesen, aber nicht mehr verändern.
Der technische Vorwand: Ein abgelaufenes Zertifikat
Der Grund für diesen drastischen Schritt ist auf den ersten Blick rein technischer Natur: Das digitale Zertifikat der Office-Suite läuft ab. Ohne gültiges Zertifikat verweigert macOS aus Sicherheitsgründen die Ausführung beziehungsweise in diesem Fall die Schreibrechte der Apps. Das Problem dabei: Microsoft hat das Zertifikat zwar erneuert, der Fix wird jedoch ausschließlich über ein Software-Update ausgeliefert – genauer gesagt auf Build 16.83.
Hier kommt der Haken: Der Support für Office 2019 endete bereits am 10. Oktober 2023. Seitdem gibt es keine Updates mehr für diese Version. Wer Office 2019 nutzt, bekommt also Build 16.83 nicht und somit auch nicht das erneuerte Zertifikat. Nutzer von Microsoft 365 oder Office 2021 sind von dem Problem nicht betroffen, da diese Versionen weiterhin mit Updates versorgt werden und den Fix automatisch im Hintergrund erhalten. Für iOS-Geräte mit iOS 17 oder neuer ist Build 2.93 der entscheidende Fix.
Geplante Obsoleszenz per Zertifikat
So technisch die Begründung auch klingt, so fragwürdig ist die ethische Dimension. Kritiker wie JimmyTech sprechen von einer bewussten Entscheidung Microsofts – einem „Choice“. Das Unternehmen kontrolliert die Update-Pipeline. Es wäre technisch durchaus möglich, für die obsolete 2019er-Version einen minimalen Patch auszurollen, der lediglich das Zertifikat erneuert, um die Grundfunktionalität zu erhalten. Stattdessen nutzt Microsoft das Zertifikats-Ablaufdatum als willkommenen Hebel, um Nutzer zum Upgrade zu zwingen.
Diese Praxis ist ein klassisches Beispiel für geplante Obsoleszenz im Software-Bereich. Anders als bei einem physischen Gerät, das verschleißt, wird die Software hier aktiv und beabsichtigt funktionsunfähig gemacht. Eine Neuinstallation von Office 2019 löst das Problem übrigens nicht, wie Microsoft ausdrücklich betont – die Sperre ist fest einprogrammiert.
Verschärfte Kommunikation und gebrochene Versprechen
Besonders pikant ist die Kommunikation aus Redmond. Auf der ursprünglichen „End of Support“-Seite für Office 2019, veröffentlicht im Oktober 2023, hieß es noch beruhigend: „Rest assured that all your Office 2019 apps will continue to function.“ (Seien Sie beruhigt, alle Ihre Office 2019-Apps werden weiterhin funktionieren). Diese Aussage wurde mittlerweile stillschweigend geändert. Eine Revision vom 15. Mai 2026 streicht das Versprechen der fortlaufenden Funktion und ersetzt es durch den knappen Hinweis, dass auf Daten „in einem unterstützten Microsoft 365- oder Office-Produkt zugegriffen werden kann“.
Das ist mehr als nur eine sprachliche Anpassung; es ist ein gebrochenes Versprechen an Kunden, die für eine unbefristete Lizenz bezahlt haben. Zwar begann Microsoft im Mai damit, betroffene Kunden per E-Mail zu informieren, doch viele werden die Nachricht vielleicht übersehen oder nicht verstehen, dass es sich nicht um eine Empfehlung, sondern um eine harte Sperre handelt.
Was betroffene Nutzer jetzt tun können
Microsoft lässt Betroffenen wenig Wahl und verweist auf die eigenen, kostenpflichtigen Alternativen: Die kostenlosen (aber funktional eingeschränkten) Microsoft 365 Web-Apps, ein teures Microsoft 365-Abo oder der einmalige Kauf von Office 2024. Doch für Nutzer, die sich bewusst gegen das Abo-Modell entschieden haben, gibt es auch unabhängige Alternativen:
- Apple iWork: Pages, Numbers und Keynote sind für Mac-Nutzer kostenlos und können Word- und Excel-Dateien zumindest lesen und teilweise konvertieren.
- LibreOffice: Die Open-Source-Suite der Document Foundation ist der beste Ausweg für alle, die lokale Kontrolle über ihre Daten behalten wollen. Sie ist kostenlos, extrem kompatibel zu Microsoft-Formaten und – was in diesem Kontext am wichtigsten ist – sie kann nicht durch einen zentralen Zertifikatsentzug lahmgelegt werden.
Fazit: Der Tod der dauerhaften Softwarelizenz
Der Vorfall um Office 2019 für Mac ist eine Lehrstunde in Sachen digitaler Eigentumsrechte. Wer Software kauft, besitzt oft nur eine Lizenz zur Nutzung, bei der der Hersteller jederzeit den Stecker ziehen kann – sei es durch Serverabschaltungen oder eben durch Zertifikats-Sperren. Während Office 2021 immerhin noch bis zum 13. Oktober 2026 Updates erhält (danach läuft es zwar weiter, aber ohne Sicherheitsupdates), wird bei Office 2019 die eigentliche Funktionalität entzogen.
Es ist eine Entwicklung, die die Abkehr von klassischer Software hin zu Software-as-a-Service (SaaS) weiter befeuert. Nutzer müssen sich entscheiden: Entweder sie zahlen monatlich Tribut an den Hersteller, oder sie wechseln zu Open-Source-Lösungen, deren Code und Zertifikate der Community gehören und nicht von Konzernstrategien abhängig sind.
Quelle: MacRumors