Es klingt wie der Auftakt zu einem Tech-Thriller: Der weltgrößte Online-Händler kauft den exklusiven Satelliten-Partner des wertvollsten Unternehmens der Welt. Doch was nach einem feindschaftlichen Übernahmeakt aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein pragmatisches, geradezu kurioses Bündnis. Amazon und Globalstar haben eine endgültige Übernahmevereinbarung geschlossen, die den Satellitenbetreiber in den Besitz von Amazon bringt – und gleichzeitig die Zukunft von Apples Satelliten-Funktionen auf den Geräten der Konkurrenz sichert.
Die Fakten: Was der Deal bedeutet
Nach Berichten von MacRumors wird Amazon den Satellitenbetreiber Globalstar komplett übernehmen. Der Deal soll bis 2027 abgeschlossen sein, sofern die üblichen regulatorischen Hürden genommen sind. Bereits im vergangenen Oktober hatte Bloomberg berichtet, dass Globalstar nach Käufern suchte und zunächst mit SpaceX – dem Betreiber von Starlink – Gespräche führte, bevor Amazon ins Spiel kam.
Besondere Brisanz erhält der Deal durch Apples 20-prozentige Beteiligung an Globalstar. Dieser Umstand galt lange als potenzieller Stolperstein für eine Übernahme durch Amazon. Offenbar hat man sich jedoch auf eine für beide Seiten vorteilhafte Konstruktion geeinigt: Amazon verpflichtet sich, die bestehende und künftige Low Earth Orbit (LEO)-Konstellation von Globalstar – die derzeit von MDA Space gebaut wird – weiterhin für Apple-Geräte zu öffnen.
Kontinuität für Apple-Nutzer
Für Besitzer eines iPhone 14 oder neuer sowie aktueller Apple Watch-Modelle ändert sich vorerst nichts. Amazon hat zugesichert, dass es die Unterstützung für die Apple-Geräte nahtlos fortsetzen wird. Nutzer können sich auch künftig auf die vitalen Satellitenfunktionen verlassen, die sie offline halten:
- Emergency SOS via satellite: Die Notruf-Funktion, die bereits Leben gerettet hat.
- Messages via satellite: Kommunikation abseits der Mobilfunkmasten.
- Find My: Ortung von Kontakten und Geräten im Nirgendwo.
- Roadside Assistance: Pannendienst abseits der Zivilisation.
In einer offiziellen Stellungnahme hieß es, man wolle sicherstellen, dass Nutzer weiterhin Zugang zu diesen lebenswichtigen Funktionen haben, um auch abseits der Netzabdeckung sicher und verbunden zu bleiben. Darüber hinaus kündigte Amazon an, mit Apple an zukünftigen Satellitendiensten auf dem erweiterten LEO-Netzwerk zu arbeiten.
Apples Roadmap: Vom Notfall- zum Standard-Feature
Während Emergency SOS bisher ein reines Notfall-Instrument ist, arbeiten die Ingenieure in Cupertino längst an einer massiven Ausweitung der Satelliten-Fähigkeiten. Diese neuen Features erfordern erhebliche Infrastruktur-Upgrades bei Globalstar – und genau hier kommt Amazon als finanzkräftiger neuer Eigentümer ins Spiel.
Die Roadmap für den iPhone-Satellitenfunk ist ambitioniert:
- Apple Maps via satellite: Navigation komplett offline, was besonders für Wanderer und Abenteurer ein Gamechanger ist.
- Photos in Messages via satellite: Das Versenden von Bildern über Satellit, was den Datenbedarf und die nötige Bandbreite drastisch erhöht.
- Indoor-Konnektivität: Satellitenverbindungen in Gebäuden, ein technologischer Meilenstein.
- Satellite over 5G: Eine engere Verzahnung von terrestrischen 5G-Netzen und Satelliten.
- Satellite API für Drittanbieter: Apps aus dem App Store könnten künftig direkt auf die Satelliten-Hardware des iPhones zugreifen.
All diese Features sprengen die Kapazitäten der aktuellen Globalstar-Infrastruktur. Apple brauchte also dringend frisches Kapital und einen starken Partner, um den Ausbau der Konstellation zu finanzieren. Dass dieses Kapital nun ausgerechnet von Amazon kommt, ist strategisch hochinteressant.
Einordnung: Warum Feinde zu Freunden werden
Auf den ersten Blick wirkt es absurd, dass Amazon die Infrastruktur seines hartnäckigsten Konkurrenten im Bereich Smart Home, Streaming und Hardware finanziert. Warum also dieser Schritt?
Die Antwort liegt in Amazons eigenem Satelliten-Projekt Project Kuiper. Amazon braucht dringend Funkfrequenzen (Spectrum) und etablierte Infrastruktur, um Kuiper gegen Elon Musks Starlink aufzustellen. Globalstar besitzt genau diese wertvollen Lizenzen. Durch den Kauf erhält Amazon nicht nur die Lizenzen, sondern auch einen cash-starken Mietkunden: Apple. Anstatt die Infrastruktur nur für sich zu nutzen, kann Amazon die Kosten für den Betrieb und Ausbau der Satelliten durch Apples Zahlungen querfinanzieren. Apple hingegen spart sich die immensen Kapitalausgaben, die der Aufbau und Betrieb einer eigenen Satelliten-Flotte mit sich brächte.
Es ist ein klassischer Win-Win, der auf der pragmatischen Einsicht beruht, dass der eigentliche Konkurrent im Weltall nicht in Cupertino oder Seattle sitzt, sondern in Hawthorne, Kalifornien – bei SpaceX. Der Weltraum ist teuer, und selbst die größten Tech-Giganten müssen an dieser Realität sparen. Apple hat in der Vergangenheit stets vermieden, eigene teure Infrastruktur zu betreiben (siehe iCloud auf AWS und Azure) – eine Strategie, die sich nun auch bei den Satelliten bewahrheitet.
Fazit
Die Übernahme von Globalstar durch Amazon markiert einen Wendepunkt in der kommerziellen Satellitenkommunikation. Anstatt sich gegenseitig durch exklusive Verträge aus dem Markt zu drängen, haben sich zwei der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt auf eine Art Co-Existenz geeinigt. Für uns Nutzer ist das exzellente Nachrichten: Die Satelliten-Funktionen des iPhones werden nicht nur erhalten bleiben, sondern dank des Amazon-Kapitals massiv ausgebaut. Der Wettlauf um den Weltraum ist nicht vorbei – er ist nur pragmatischer geworden.
Quelle: MacRumors