Der KI-Markt erlebt eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse, die so manchen Investor umdenken lässt. Lange Zeit galt OpenAI als der unangefochtene Platzhirsch, doch der Konkurrent Anthropic holt rasant auf – und lässt dabei tiefe Risse in der Argumentation für OpenAIs astronomische Bewertung zurück.
Nach einem Bericht des Financial Times (zitiert von TechCrunch) steht OpenAIs Bewertung von 852 Milliarden US-Dollar zunehmend unter Beschuss. Das Kernproblem: Um diese Bewertung bei einem potenziellen Börsengang (IPO) überhaupt rechtfertigen zu können, müsste OpenAI mit einer Marktkapitalisierung von mindestens 1,2 Billionen Dollar an die Börse gehen. Ein riskantes Spiel, wie einige Investoren nun meinen. Im direkten Vergleich wirkt Anthropics aktuelle Bewertung von 380 Milliarden Dollar plötzlich wie ein relativer Schnäppchen.
Die Macht der Coding-Tools
Der wichtigste Treiber für Anthropics rasanten Aufstieg ist bemerkenswert: Es sind die Coding-Tools. Die annualisierten Einnahmen des Unternehmens sind von 9 Milliarden Dollar Ende 2025 auf unglaubliche 30 Milliarden Dollar bis Ende März 2026 hochgeschossen. Wer die Entwickler-Community beobachtet, weiß, dass Claude – insbesondere in Kombination mit agilen Coding-Umgebungen wie Cursor – bei Entwicklern als der Goldstandard für Programmieraufgaben gilt. OpenAI hat hier zwar mit GitHub Copilot eine starke Marke, doch bei der reinen Code-Generierung und dem Verständnis komplexer Codebases hat Anthropic den Geschmack der Entwickler besser getroffen. In einer Branche, in der Entwickler die ersten Adoptoren und Multiplikatoren sind, ist das ein massiver strategischer Vorteil.
Der Sekundärmarkt als Frühwarnindikator
Der Sekundärmarkt für Unternehmensanteile spiegelt diese Dynamik bereits ungeschönt wider. Während die Nachfrage nach Anthropic-Aktien geradezu unersättlich ist und mit Aufschlägen gehandelt wird, werden OpenAI-Aktien zunehmend mit einem Abschlag gehandelt. Der Sekundärmarkt ist oft ein präziserer Indikator für den wahren Marktglauben als die oft von PR und FOMO getriebenen Primärrunden. Wenn Mitarbeiter oder Early-Stage-Investoren OpenAI-Aktien abstoßen müssen, während alle Welt Anthropic will, spricht das eine klare Sprache.
Investoren wählen Seiten
Die Finanzwelt beginnt, sich zu positionieren. Ein Paradebeispiel ist Iconiq Capital. Die Investmentfirma hat über eine Milliarde Dollar in Anthropic gesteckt, hält aber nur eine kleinere Position bei OpenAI. Iconiq-Partner Roy Luo brachte die neue Marktrealität auf den Punkt: „Es ist Platz für beide, aber es gibt grundlegend eine Nummer-eins- und eine Nummer-zwei-Dynamik, und die Nummer eins wird unverhältnismäßig gewinnen. Wir haben uns entschieden.“
Diese „Winner-takes-most“-Dynamik ist typisch für Plattformmärkte. Wer die besten Modelle für die profitabelsten Anwendungsfälle – in diesem Fall Softwareentwicklung – liefert, zieht die meiste Enterprise-Geld ab. OpenAI versucht derzeit, sich massiv auf Enterprise-Kunden zu fokussieren, um die Burg zu verteidigen.
Altman und die Geister der Vergangenheit
Interessant ist der historische Kontext: OpenAI-CEO Sam Altman hat dieses Phänomen überhöhter und dann platzender Bewertungen bereits erlebt. Während seiner Zeit an der Spitze von Y Combinator führte aggressive Bewertungs-Inflation bei einigen Portfolio-Unternehmen dazu, dass sie finanziell strandeten – sie konnten keine Folgefinanzierungen mehr zu noch höheren Bewertungen aufbringen (sogenannte „Down Rounds“ oder „Stranded Unicorns“). Andere rechtfertigten den Hype jedoch vollauf. Die Frage ist, in welche Kategorie OpenAI fallen wird.
Geld allein ist keine Strategie
OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar konterte die Skepsis gegenüber der Financial Times mit dem Verweis auf die jüngste Finanzierungsrunde von 122 Milliarden Dollar – die größte private Finanzierungsrunde der Geschichte. Doch hier liegt ein potenzieller Denkfehler: Die schiere Menge an eingesammeltem Kapital ist kein Beweis für eine nachhaltige Unternehmensbewertung, sondern oft genug ein Symptom für extrem viel Liquidität auf der Jagd nach dem nächsten großen Ding. Wenn die Einnahmen nicht im gleichen Tempo skalieren wie die Bewertungen, entsteht eine Lücke, die irgendwann geschlossen werden muss.
Fazit
Der KI-Markt wächst aus seinen Kinderschuhen. Die Phase, in der allein der Name OpenAI ausreichte, um Milliardenbewertungen zu rechtfertigen, neigt sich dem Ende zu. Anthropic hat bewiesen, dass man den Marktführer mit überlegenen Produkten in Nischen – vor allem bei Coding – herausfordern kann. Für Investoren wird es zunehmend zu einem Rechenspiel: Lieber 380 Milliarden für den aufstrebenden Herausforderer mit 30 Milliarden Dollar annualisiertem Umsatz zahlen oder 852 Milliarden für einen etablierten Marktführer, der sich neu erfinden muss? Die Antwort auf diese Frage wird die KI-Branche in den kommenden Monaten dominieren.
Quelle: TechCrunch