C
Tech

EU-Studie: Wie die Aufmerksamkeitsökonomie unsere Demokratie zersplittert

Eine neue Studie der EU-Kommission fordert den Ausstieg aus der toxischen Aufmerksamkeitsökonomie. Ohne neue Geschäftsmodelle und echte digitale Souveränität verliert der Westen den Kampf um den Informationsraum.

CR
Codekiste Redaktion15. April 2026

Das aktuelle Zeitalter der sozialen Medien ist von einem fundamentalen Designfehler geprägt: Der Geschäftslogik der Aufmerksamkeitsökonomie. Eine jetzt veröffentlichte Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission unter dem Titel „Fractured reality – How democracy can win the global struggle over the information space“ schlägt Alarm. Die Forscher:innen um den Kognitionspsychologen Stephan Lewandowsky und den Verhaltensforscher Mario Scharfbillig kommen zu einem vernichtenden Urteil: Die aktuelle Architektur des Internets begünstigt strukturell Inhalte, die Demokratien gefährden.

Die Mechanik der Aufmerksamkeitsökonomie

Das Problem ist nicht neu, aber durch algorithmische Verstärker existenziell geworden. Da die Zeit der Nutzer:innen ein begrenztes Gut ist, optimieren Plattformen ihr Design auf maximale Verweildauer – den sogenannten Engagement. Weil die menschliche Psyche nun einmal stärker auf negative, emotionale und konfliktgeladene Reize reagiert, werden genau diese Inhalte bevorzugt ausgespielt. Die Folge sind Echokammern, in denen sich Gleichgesinnte unreflektiert bestätigen, und eine zunehmende Fragmentierung der Realität. Die Studie warnt zurecht: Ohne eine gewisse gemeinsame Realität als Grundlage sind demokratische Institutionen nicht überlebensfähig.

Dabei hat sich die Taktik der Desinformation gewandelt. Ging es früher um systematische Lügen, die geglaubt werden sollten, ist das Ziel heute das „Flooding the zone“. Ein „Fantasie-Industrie-Komplex“ aus Desinformation, Halbwahrheiten und Ablenkung überflutet den Informationsraum. Das Ziel ist nicht Überzeugung, sondern die Schürung von Misstrauen und die Aktivierung autoritärer Reflexe. Es ist ein systemisches Problem, das nicht bei den Einzelpersonen, sondern bei den Anreizen der Plattformen liegt.

Wenn Forschung zur Zielscheibe wird

Wie brisant das Thema ist, zeigt das Schicksal der Mitautorin Renée DiResta. Die Desinformationsforscherin wurde nach einem CIA-Praktikum aus ihren Studentenzeiten von rechten Akteur:innen – prominent angeführt von Elon Musk – als Teil eines angeblichen „Zensur-Industrie-Komplexes“ diffamiert. Diese konzertierte Kampagne gegen das Stanford Internet Observatory (SIO) hatte reale Folgen: Unter dem Druck republikanischer Anhörungen wurde das SIO 2024 kurz vor den US-Wahlen komplett geschlossen.

Die Auswirkungen dieses politischen Drucks zeigen auch die großen Plattformen. Meta und YouTube schraubten ihre Moderationsregeln zurück – Falschinformationen zu Impfungen oder Wahlbetrug bleiben stehen, solange sie angeblich im „öffentlichen Interesse“ diskutiert werden. Die Plattformen kapitulieren vor der toxischen Logik, die sie selbst erschaffen haben.

Ausstieg aus dem toxischen Geschäftsmodell

Die EU-Studie beschränkt sich nicht auf die Diagnose, sondern liefert konkrete Therapieansätze. Zentral ist die Forderung nach öffentlichen Räumen – online wie offline –, die nicht der Aufmerksamkeitsökonomie unterliegen. Dezentrale Ansätze wie Wikipedia oder das Fediverse dienen hier als Vorbilder.

Auf der Produktseite fordern die Forscher:innen mehr Nutzerautonomie durch verhaltenswissenschaftliches Plattformdesign, etwa durch verpflichtende Abkühlphasen, die der anstehende Digital Fairness Act der EU regeln könnte. Auch Faktenchecks müssen die Zielgruppe tatsächlich erreichen, anstatt nur in abseitigen Rubriken zu verstauben. Vor allem aber muss Desinformation ihre Profitabilität verlieren. Die Studie fordert die Demonetarisierung von Verbreiter:innen von Falschinformationen radikal ein: „Solange Desinformation profitabel ist, wird sie nicht verschwinden.“

Zu den weitreichendsten Vorschlägen gehört der Wechsel des Geschäftsmodells: weg von werbefinanziertem Engagement, hin zu Abo-Modellen, einer Besteuerung digitaler Werbeanzeigen oder Gebühren für besonders desinformationsanfällige Dienste. Auch Interoperabilität – das einfache Mitnehmen der eigenen Daten zu anderen Anbietern – soll die Macht der Tech-Giganten brechen.

Digitale Souveränität als demokratische Notwendigkeit

Hier kommt der eigentliche Elefant im Raum ins Spiel: Fast alle großen Online-Dienste stammen nicht aus Europa. Die „Informationsdiät der Europäer liegt somit in den Händen ausländischer Akteure“, die europäische Werte oft nicht teilen. Der radikale Umbau von X zu einer rechten Propagandaplattform ist das drastischste Beispiel dafür, wie Plattformalgorithmen gegen demokratische Interessen instrumentalisiert werden.

Die EU warnt die Studie davor, im Streben nach digitaler Souveränität einfach europäische Kopien US-amerikanischer Geschäftsmodelle zu bauen. Wer die gleiche toxische Logik mit europäischen Etikett anwendet, löst keine Probleme, sondern wiederholt sie nur. Stattdessen muss Europa massiv in dezentrale Systeme wie Atmosphere, das Fediverse, Mastodon oder Eurosky investieren. Eine europäische Cloud-Infrastruktur mit ausreichender Rechenkapazität ist dringend nötig, um die Abhängigkeit von ausländischen Konzernen zu verringern. Öffentliche Einrichtungen müssen Vorbild sein und diese Alternativen nutzen, statt weiterhin auf X und Co. zu verharren.

Ein CERN für Daten und Demokratie

Die Forscher:innen fordern zudem einen massiven Ausbau der akademischen Kapazitäten. Der Datenzugang für Wissenschaftler:innen, eigentlich im Digital Services Act (DSA) versprochen, wird bis heute von den Plattformen blockiert oder verzögert. Um dem rasanten Wandel gerecht zu werden, schlägt die Studie ein europäisches „CERN für Daten und Demokratie“ vor – eine zentrale Instanz, die fragmentierte Forschungskapazitäten bündelt und Plattformforschung im industriellen Maßstab ermöglicht.

Fazit: Die EU-Studie ist mehr als nur ein weiterer Warnruf. Sie ist ein Entwurf für die Post-Aufmerksamkeitsökonomie. Die Erkenntnis, dass Regulierung wie der DSA allein nicht reicht, solange die finanziellen Anreize für toxisches Verhalten bestehen, ist der Kern der Botschaft. Europa hat die Regulierung weltweit angeführt – nun muss es beweisen, dass es auch demokratiekompatible digitale Infrastrukturen aufbauen kann. Die Zeit drängt, denn der globale Innovationswettlauf überfordert die Gesellschaft bereits heute.

Quelle: Netzpolitik.org

QUELLEN
Netzpolitik.org
Pro-Feature

Melde dich an und werde Pro-Mitglied, um dieses Feature zu nutzen.

Anmelden
CR
Codekiste Redaktion

Automatisierte Content-Kuratierung für tech-news.

Kommentare

WEITERLESEN
Tech

Wenn der Feed leer bleibt: Mastodons JavaScript-Zwang und das offene Web

Tech

Das LG Rollable Phone: Das beste Smartphone, das nie erschien

Tech

Tech-Hype auf Probe: Warum endloses Teasing und Drop-Kultur ermüden