Nachsitzen für Apples Sprachassistenten
Es ist eine ungewöhnliche Maßnahme für ein Unternehmen, das sonst für sein elitäres Ingenieursteam bekannt ist: Apple schickt einen Großteil seiner Siri-Entwickler auf ein mehrwöchiges Bootcamp, um das Programmieren mit KI zu erlernen. Wie The Information berichtet, erfolgt dieser Schritt nur wenige Wochen, bevor Apple auf der WWDC eine überarbeitete, intelligente Version von Siri vorstellen soll.
Der Hintergrund ist ebenso aufschlussreich wie peinlich für den Tech-Giganten. Offenbar hat das Siri-Team die verfügbaren KI-Coding-Tools nicht im Ansatz so genutzt, wie andere Abteilungen innerhalb Apples. Während einige Teams beträchtliche Teile ihres Budgets in Tools wie Claude Code investieren, gilt das Siri-Team intern als Nachzügler – als „Laggard“, wie es in dem Bericht heißt.
Das Versäumnis von iOS 18 und seine Konsequenzen
Diese interne Wahrheit ist keine Überraschung für Beobachter der Szene. Das Siri-Team war schlichtweg nicht in der Lage, die mit iOS 18 versprochene „Apple Intelligence“-Version von Siri rechtzeitig auszuliefern. Die Ankündigungen vom letzten Jahr blieben weitgehend leere Versprechen – eine für Apple ungewöhnliche Blamage, die nicht ohne personelle Konsequenzen blieb.
Die Reorganisation an der Spitze war gravierend. John Giannandrea, Apples ehemaliger AI-Chef, musste sein Amt Ende 2025 räumen und tritt nun nach dem letzten Vesting seiner Aktien in den Ruhestand. An seine Stelle rückte niemand Geringeres als Craig Federighi, Appels Chef der Software-Entwicklung. Damit wird KI nun direkt aus der mächtigen Software-Sparte heraus gesteuert – ein deutliches Zeichen, dass Apple die KI-Entwicklung nicht mehr als Nischenprojekt, sondern als Kernkompetenz begreift.
Neuer Mann an der Spitze des Siri-Teams ist Mike Rockwell, der bislang die Vision Pro verantwortete. Rockwell bringt frische Impulse aus der Hardware- und Plattformentwicklung mit – eine bewusste Entscheidung gegen die bisherige KI-DNA in der Siri-Abteilung.
Googles Gemini als Retter in der Not?
Unter Federighis Ägide kam auch der Deal mit Google zustande: Künftig sollen Siri und andere KI-Funktionen von Googles Gemini-Modellen angetrieben werden. Das ist ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel. Apple, das stets die Souveränität über seine Technologien betont, verlässt sich nun bei einer seiner zentralen KI-Säulen auf einen externen Partner.
Die Botschaft hinter diesem Schritt ist klar: Apples eigene KI-Modelle reichen für eine konkurrenzfähige Sprachassistentin nicht aus. Anstatt weiter an veralteten Architekturen festzuhalten, setzt Apple nun auf die Stärken von Google im Bereich der großen Sprachmodelle – und konzentriert sich selbst auf die Integration und das Nutzererlebnis.
Vom Assistenten zum Chatbot
Dabei zeichnet sich ein weiterer Wandel ab: Aus Siri soll ein eigenständiger Chatbot werden. Wie Bloomberg berichtet, testet Apple bereits eine entsprechende App, die mit iOS 27 kommen soll. Siri würde damit direkt mit den Apps von ChatGPT, Claude und Perplexity konkurrieren – ein völlig neues Terrain für Apples Sprachassistentin, die bislang primär als Systemfunktion in iOS verankert war.
Diese Neuausrichtung ist strategisch sinnvoll, aber auch spät. Die Konkurrenz durch ChatGPT und Co. hat den Markt für KI-Assistenten neu definiert. Nutzer erwarten heute nicht mehr nur einfache Befehle wie Timer oder Wetterabfragen, sondern komplexe, kontextbezogene Dialoge. Dass Apple dies erst jetzt nachzieht, zeigt, wie sehr das Unternehmen in dieser Disziplin den Anschluss verpasst hat.
KI-Coding als neue Pflicht
Das Bootcamp für Siri-Entwickler ist dabei mehr als nur eine Weiterbildungsmaßnahme – es ist ein Symptom für einen tiefgreifenden Kulturwandel. KI-gestütztes Programmieren wird zur neuen Normalität. Wer Claude Code, GitHub Copilot oder ähnliche Tools nicht nutzt, fällt zurück. Dass Apple dies intern nun mit Nachdruck einfordert, zeigt, dass die Unternehmensführung die Zeichen der Zeit erkannt hat.
Die Frage bleibt, ob ein Bootcamp ausreicht, um Jahre aufzuholen. Die KI-Konkurrenz schläft nicht – und Entwickler, die sich KI-Tools bisher verweigert haben, brauchen mehr als ein paar Wochen Schulung, um wirklich produktiv damit zu arbeiten. Es ist ein Start, aber der Weg bis zu einer Siri, die mit ChatGPT oder Gemini mithalten kann, bleibt lang.
Fazit
Apples Siri steht vor der wichtigsten Zäsur ihrer Geschichte. Neue Führung, externe Modelle, ein neues Format als Chatbot-App und jetzt auch die Nachschulung der eigenen Entwickler – alles deutet darauf hin, dass Apple die KI-Wende ernster nimmt als je zuvor. Ob die WWDC-Enthüllungen die Erwartungen erfüllen können, wird zeigen, ob das Bootcamp mehr als nur ein PR-Stunt war.
Quelle: MacRumors