Es ist eine der größten Ironien des modernen Webs: Man möchte einen kurzen Text lesen – in diesem Fall einen Post des bekannten Tech-Bloggers John Gruber auf Mastodon – und wird stattdessen mit einer Mauer der Stille begrüßt. „Bitte aktiviere JavaScript, um das Webinterface von Mastodon zu verwenden.“ Alternativ, so der Vorschlag der Plattform, könne man ja eine native App nutzen.
Was im ersten Moment wie ein bloßes technisches Hindernis wirkt, ist in Wahrheit ein Symptom für einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel im Internet. Die ursprüngliche Architektur des World Wide Web basierte auf dem Prinzip der Barrierefreiheit und der einfachen Verfügbarkeit von Informationen. Ein Hyperlink führte zu einem Dokument, das vom Server geladen und im Browser dargestellt wurde. Kein Zusatzcode, der erst im Hintergrund ausgeführt werden musste, keine Gatekeeping durch Script-Engines. Das Web war ein Ort der Dokumente.
Mastodon und das darauf aufbauende Fediverse werden oft als das bessere, das dezentrale und offenere Gegenstück zu proprietären Plattformen wie X (ehemals Twitter) gefeiert. Die zugrundeliegende Architektur mit dem Protokoll ActivityPub ist zweifellos ein Segen für das offene Web. Doch die Art und Weise, wie diese Dienste heute im Browser präsentiert werden, steht im krassen Widerspruch zu dieser offenen Philosophie.
Die Standard-Webinterface-Implementierung von Mastodon ist eine Single Page Application (SPA). Das bedeutet, dass der Server beim ersten Aufruf nicht etwa den Inhalt des Posts samt Layout ausliefert, sondern lediglich ein leeres HTML-Gerüst und einen riesigen JavaScript-Bundle. Erst wenn der Browser diesen Code ausführt, wird die eigentliche Anwendung im Browser des Nutzers gestartet, die dann via API die gewünschten Daten vom Server anfordert und rendert. Ohne JavaScript bleibt die Leinwand leer.
Dass ausgerechnet John Gruber – ein Verfechter von sauberem Code, Typografie und einem nutzerzentrierten Web – der Auslöser für diese Überlegungen ist, passt ins Bild. Sein Blog „Daring Fireball“ ist ein Relikt einer vergangenen Ära, das sich weigert, übermäßiges JavaScript oder aufdringliche Werbe-Tracker einzusetzen. Es funktioniert schnell, überall und auf jedem Gerät. Wenn nun ein Nutzer von Gruburs Blog zu seinem Mastodon-Profil wechselt, um dessen kurze Gedanken zu lesen, fällt er von der Welt der reinen Textdokumente in eine Welt, in der Text nur noch existiert, wenn ein komplexes JavaScript-Konstrukt dies erlaubt.
Die Aufforderung, doch einfach eine native App zu installieren, ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Sicher, native Apps bieten oft eine bessere User Experience, tiefere Systemintegration und Push-Benachrichtigungen. Doch das Web hat seinen Siegeszug genau deshalb angetreten, weil es keine Installationshürden gab. Ein Link ließ sich teilen, anklicken und konsumieren. Die Verschiebung hin zu App-Ökosystemen kehrt dieses Prinzip um. Anstatt das Web als universellen Client zu nutzen, werden Nutzer gezwungen, sich in Closed Gardens einzuloggen, deren Code sie nicht einsehen können und die auf ihren Geräten Speicher und Ressourcen verbrauchen.
Dabei muss Mastodon gar nicht so funktionieren. Die Schattenseite von SPAs ist der sogenannte Web-Bloat. Um 280 Zeichen Text anzuzeigen, lädt die Standard-Instanz Megabytes an JavaScript, CSS und Font-Dateien. Für Nutzer mit langsamen Verbindungen, für Screenreader und für Suchmaschinen-Crawler ist dies eine Katastrophe. Die Barrierefreiheit, die das Web einst definierte, wird durch Performance-Hürden ersetzt.
Es gibt jedoch Hoffnung. Das Fediverse zeichnet sich durch seine Dezentralität aus, und diese erlaubt alternative Frontends. Projekte wie Elk, Pinafore oder Semaphore setzen auf modernere, performantere Ansätze. Wer sich etwas tiefer mit der Materie befasst, kann über Drittanbieter-Instanzen wie `mastodon.social/@gruber@mastodon.social` den Inhalt ohne das offizielle, schwerfällige Webinterface abrufen. Und für Puristen gibt es immer noch den guten alten RSS-Feed, den Mastodon von Haus aus für jedes Profil generiert – die wahre, JavaScript-unabhängige Rückversicherung des offenen Webs.
Dennoch bleibt der Befund bestürzend. Wenn das dezentrale Web, das den Anspruch erhebt, das Netz freier und unabhängiger zu machen, denselben technologischen Fehlern unterliegt wie die Konzerne aus Silicon Valley, ist etwas fundamental schiefgelaufen. Ein Social Network, das auf offenen Protokollen basiert, sollte nicht hinter einer Mauer aus clientseitigem Scripting versteckt werden.
Die Nachricht „Bitte aktiviere JavaScript“ ist nicht nur ein technischer Hinweis, sondern eine Absage an die Grundidee des Webs. Sie erinnert uns daran, dass wir bei der Erschaffung moderner Web-Architekturen oft die Einfachheit aus den Augen verloren haben. Ein Tweet – oder ein Toot – ist im Kern ein einfaches Dokument. Es sollte im Browser auch als solches behandelt werden. Das Web verdient besseres als leere Seiten, die erst nachgeladen werden müssen.
Quelle: John Gruber