Mit der Radeon RX 9070 GRE (Golden Rabbit Edition) wendet AMD ein bekanntes Playbook an: Nach einem exklusiven Release in Fernost und einer Zwischenstation in fertigen PCs schafft die Karte nun den Sprung auf den freien europäischen Markt. Das Ziel ist klar – die gewaltige Leistungslücke zwischen der RX 9060 XT und der RX 9070 schließen. Ob das Vorhaben gelingt, hängt jedoch von Details ab, die auf dem Papier und im Praxis-Test für Diskussionen sorgen.
Spezifikationen: Ein seltsames Missverhältnis
Im Herzen der RX 9070 GRE schlägt die Navi 48 GPU, die auch in den größeren Schwestern verbaut ist. Allerdings sind hier nur 3072 Stream-Prozessoren aktiv – immerhin 50 % mehr als bei der RX 9060 XT. Damit positioniert sich die Karte deutlich näher an der RX 9070 als am kleinen Einsteiger-Modell.
Zwei Entscheidungen von AMD muten jedoch merkwürdig an: Da ist zum einen die Speicherausstattung. Während die langsamere RX 9060 XT mit 16 GB VRAM daherkommt, muss die schnellere 9070 GRE mit nur 12 GB auskommen. Ein Rückschritt im eigenen Portfolio. Zum anderen gibt es die Total Board Power (TBP): AMD spezifiziert die Karte mit 220 Watt – exakt so viel wie bei der schnelleren RX 9070. Das lässt nichts Gutes für die Effizienz erahnen. Das von uns getestete Gigabyte Gaming OC-Modell zieht sogar bis zu 240 Watt.
Performance: Nur ein Hauch schneller als der Vorgänger
In den Rasterisierungs-Benchmarks bei 1440p bestätigt sich die auf den Spezifikationen basierende Vermutung. Die 9070 GRE ist etwa 12 % langsamer als die RX 9070, aber 32 % schneller als die RX 9060 XT. Ernüchternd ist jedoch der Vergleich zum direkten Vorgänger: Die neue GRE ist im Schnitt exakt gleich schnell wie die alte 7900 GRE – bei quasi identischer Leistungsaufnahme. Im Vergleich zur Konkurrenz von Nvidia bedeutet das: Die RTX 4070 Super ist knapp 7 % schneller, die RTX 5070 sogar 11 %.
Mit aktiviertem Ray Tracing verbessert sich das Bild nur marginal. Dank der stärkeren RDNA-4-Ray-Tracing-Einheiten kann sich die 9070 GRE immerhin um 9 % von ihrer Vorgängerin absetzen. Der Rückstand auf die RX 9070 wächst leicht auf 13 % an. Vor allem aber baut Nvidia hier aus: Die RTX 5070 ist mit Ray Tracing nun rund 20 % schneller. Das FPS-pro-Watt-Verhältnis der 9070 GRE fällt aufgrund der hohen Leistungsaufnahme ebenfalls durch, es reicht nicht an die Effizienz der Nvidia-Konkurrenz oder der älteren 7900 GRE heran.
12 GB VRAM in der Praxis: Das Fass läuft über
Das eigentliche Sorgenkind der Karte ist der Videospeicher. In aktuellen Titeln zeigt sich schnell, wo die Grenzen liegen.
- Forza Horizon 6: Bei höchsten Grafikeinstellungen inklusive Ray Tracing in 1440p begrüßt uns sofort die Warnung „Geringer Grafikspeicher“. Nach kurzer Spielzeit füllt sich der Speicher auf über 11,8 GB. Zwar sind anfänglich dreistellige FPS möglich, nach einigen Minuten in der Stadt sinken die Werte auf 80 bis 90 FPS, begleitet von leichten Frametime-Spikes. Um wirklich flüssig zu spielen, müssen Grafikeinstellungen reduziert werden.
- Crimson Desert: Hier macht die Karte einen deutlich besseren Eindruck. Mit FSR 4.1 im Quality-Modus läuft das Spiel flüssig bei über 60 FPS. Der VRAM-Bedarf liegt bei moderaten 7 GB, die Karte bleibt kühl (ca. 52°C GPU, 66°C VRAM bei 240 Watt).
- Spider-Man 2: Als bekannter VRAM-Hungerleider dient dieses Spiel als Stresstest. Mit höchsten Texturen bricht die Frametime ein, die FPS sinken auf wackelige 45 bis 50 Bilder pro Sekunde. Das Experiment, die Texturqualität auf das Minimum zu reduzieren, bringt einen sofortigen Sprung auf über 60 FPS. Der Beweis: Der VRAM läuft über, Texturen müssen in den langsameren Arbeitsspeicher ausgelagert werden. Für höchste Details in 1440p reichen die 12 GB schlichtweg nicht aus.
Preis und Fazit: Eine teure Notlösung
Das größte Problem der RX 9070 GRE ist der Preis. Die offizielle MSRP liegt bei 549 USD, was nach Umrechnung und Mehrwertsteuer etwa 560 € entspricht. AMD scheint die aktuelle Speicherkrise als Preistreiber zu nutzen. Doch ein Blick in Preisvergleichsportale offenbart die Realität: Die schnellere RX 9070 mit 16 GB VRAM ist bereits ab 550 € zu haben. Nvidias RTX 5070, die 10 bis 20 % schneller ist, kostet ab 570 €.
Die RX 9070 GE wirkt weniger wie der Geheimtipp ihrer Vorgängerin, sondern vielmehr wie eine Notlösung, um das Portfolio zu füllen. Der Rückschritt beim VRAM und die hohe Leistungsaufnahme im Verhältnis zur gebotenen Leistung rechtfertigen den Preis nicht. Damit die Karte attraktiv wird, müsste sie den gleichen Abstand zur RX 9060 XT (16 GB) haben wie die RTX 5060 Ti zur RTX 5070 bei Nvidia. Das wäre ein Straßenpreis von rund 450 €. Darüber ist die Karte schlichtweg schwer zu empfehlen.
Quelle: HardwareDealz